Friedenslichtpredigt 2007



von Kurat Christoph Lindner und Landesjugendpastorin Cornelia Dassler

A: Ein Stein im Küchenregal! Meinst Du das macht Sinn?

B: Wenn man die Geschichte kennt, dann schon. Aber wenn ich an die letzten Wochen denke, dann fallen mir die vielen Kinder bei uns ein, die von Erwachsenen getötet worden sind. Besser, diese Erwachsenen haben nicht auch noch einen Stein im Küchenregal.

A: Da hast du wohl recht. Mir geht der Satz am Ende der Geschichte nicht aus dem Sinn: Glaubt man an Gewalt, dann handelt man auch so. Es gibt so vieles, was das bestätigt.

B: An was denkst du da?

A: Wenn ich mal nur an Kinder denke: Es gibt die Kindersoldaten – Kinder, die bewaffnet und in Kriege geschickt werden, ohne dass sie wissen können, warum, und ohne dass sie sagen könnten: Nein, das will ich nicht. Viele von ihnen werden Glauben gemacht, dass der Krieg für den sie missbraucht werden, Sinn hat und dann schießen sie auf andere.

B: Ja oder die Jugendlichen, die Selbstmordattentate verüben. Wie schrecklich! Auch sie glauben ja an die Gewalt, die sie sich und anderen da antun.

A: Ich glaube, sie wissen zu wenig über die Folgen dessen, was sie da tun. Es ist ihnen nicht klar, dass ihre Gewalt immer neue Gewalt sät.

B: Woher sollen denn aber Kinder und Jugendliche wissen, wie zerstörerisch der Glaube an die Gewalt ist?

A: Wir Erwachsenen müssen daran erinnern, was passiert, wenn man an Gewalt glaubt. Dafür gibt es so viele Beispiele. Und davon müssen wir erzählen. So wie Astrid Lindgren mit ihrer Geschichte, die wir eben gehört haben. Es ist wichtig, solche Geschichten zu erzählen, auch wenn sie nicht schön sind, sondern traurig und nachdenklich machen.

B: Ja! Darum finde ich es auch eine gute Idee, dass es den Zug der Erinnerung gibt.

A: Zug der Erinnerung? Was hat das denn jetzt mit unserem Thema zu tun?

B: Du weißt doch bestimmt: In Deutschland haben zur Zeit des Nationalsozialismus viele Menschen geglaubt, dass es gute Gründe für Gewalt gibt, dass Gewalt sie und ihr Land weiter bringt. Anderen Menschen wird in der nationalsozialistischen Ideologie einfach die Daseinsberechtigung abgesprochen – ihr Leben wird für lebensunwert erklärt, ihre Interessen als nicht berechtigt.

A: Das ist so schlimm, dass ich es gar nicht fassen kann!

B: Das hat damals dazu geführt, dass es zum zweiten Weltkrieg gekommen ist Außerdem wurden Millionen Menschen in Zügen in Konzentrations – und Vernichtungslager transportiert. Dort wurden sie systematisch umgebracht, vernichtet. Darunter waren auch viele Kinder – und Jugendliche. Der Zug der Erinnerung zeigt die Geschichte dieser Kinder. Er reist durch Deutschland und kommt am 7. Januar nach Hannover in den Hauptbahnhof. Diese furchtbare Geschichte der Unmenschlichkeit und Gewalt ist immer noch heikel, weil sie fragt, wer daran beteiligt war und mit schuldig am Tod und an der Entwürdigung so vieler Menschen ist. Viele wollen sich nicht gerne erinnern.

A: Ich finde es wichtig, dass wir uns erinnern. Und ich glaube, es könnte keinen besseren Moment geben, auf diesen Zug aufmerksam zu machen, als gerade jetzt, heute und hier in diesem Friedenslicht-Gottesdienst.

B: Das musst du jetzt aber schon erklären.

A: Gerne! Wir senden hier heute das Friedenslicht aus. Es kommt aus Bethlehem, aus der Geburtskirche, in der immer ein Licht brennt, dass daran erinnert, dass Jesus in Bethlehem geboren ist. Bethlehem selbst ist eine arabische Stadt in den palästinensischen Autonomiegebieten im heutigen Israel. Wir haben es schon am Anfang gehört und viele wissen es sicher: Dort ist kein Frieden, weil sich Israelis und Araber um ihr Recht, in diesem Land zu leben, streiten. Die Gewalt dort, unter der die Kinder und Jugendlichen leiden, macht mich sehr traurig. Für uns Deutsche ist es ein ganz besonderer schwieriger Konflikt. Und das hat mit dem Zug der Erinnerung zu tun.

B: Ach, ich fange an zu verstehen. Du denkst an die jüdischen Kinder und Jugendlichen, die die deutschen Konzentrations– und Vernichtungslager überlebt haben und dann nach Israel ausgewandert sind.

A: Ja, ich bin mir sicher, dass es Menschen gibt, die als Kind in Deutschland in einem solchen Zug deportiert worden sind, - zum Beispiel nach Bergen Belsen in der Nähe von Celle. Sie haben furchtbares in den Lagern erlebt und sind später mit Hoffnung auf ein friedliches Leben nach Israel ausgewandert. Bestimmt sehnen sie sich noch mehr als wir hier nach Frieden.

B: Und wir nehmen hier heute das Friedenslicht in Empfang, was aus diesem umstrittenen Landstrich kommt und uns mahnt, uns für den Frieden einzusetzen. Und im Januar können wir den Zug der Erinnerung besuchen und uns vor Augen führen, wie uns unsere eigene Geschichte lehrt, welches Unheil Gewalt über Menschen bringt.

A: Aber etwas hast du jetzt vergessen.

B: Was denn?

A: Das Friedenslicht ist nicht nur Ermahnung aus Palästina, sondern bringt uns das Evangelium – die gute Botschaft Jesu: In der Bibel steht: 12 Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. (Joh 8,12)

B: Hm. „Ich bin das Licht der Welt – Licht des Lebens für alle.“ Vielleicht sind es zwei Dinge, die wir tun sollen: Erinnern und hoffen. Das erste ist: Wir wollen wachsam und aufmerksam zu bleiben, das nicht neue Finsternis, neue Gewalt gesät wird unter uns – sondern wir wollen die Hoffnung säen, wir hoffen auf Gottes Frieden auf Erden. Darum erinnern wir uns der grausamen Geschichte der Vernichtungslager mit dem Zug der Erinnerung. Gerade die Erinnerung unserer Geschichte lässt uns auch andere zum Frieden rufen: z.B. die arabischen Christen in Bethlehem – den Frieden zu suchen und den Konflikt zu lösen. aber auch Menschen jüdischen und muslimischen Glaubens können wir dazu aufrufen, mit uns das Licht des Friedens leuchten zu lassen. Die Botschaft gilt ja der ganzen Welt.

A: Und das zweite ist: Das Licht lässt Hoffnung aufleuchten. Gott will, dass sein Licht die Finsternis der Gewalt in dieser Welt durchbricht, dass es hell werde in und unter den Menschen.
Deshalb ist das Friedenslicht als Hoffnungszeichen eine bessere Erinnerung, als ein Stein im Küchenregal, auch wenn ich die Geschichte von Astrid Lindgren sehr eindrücklich finde. Mir bringt das Friedenslicht die Weihnachtsbotschaft vom Frieden auf Erden näher. Wir brauchen nicht nur Mahnmale, sondern auch Hoffnungszeichen.
Wir wollen immer wieder darauf aufmerksam machen, wie schrecklich es ist, wenn der Glaube an die Gewalt das Handeln von Menschen bestimmt. Aber dabei bleiben wir nicht stehen: Wir wollen dazu aufrufen, statt vom Glauben an die Gewalt von der Hoffnung auf Frieden her zu leben, ohne Gewalt gegen andere auszuüben.

B: Weißt du was? Ich bin ganz von Herzen froh, dass heute hier so viele sind, die von mit dem Friedenslicht die Botschaft vom Frieden leuchten lassen wollen in ihren Wohnungen, in den Kirchen, in den Gemeinden, an ganz vielen Orten. Ich bin mir sicher, das sie nicht nur Kerzen anzünden, sondern auch anfangen, etwas zu tun: sie werden Fragen stellen, Geschichten erzählen, Gewalt verhinden, wo sie es nur können und selbst friedfertgier werden.
Gottes Segen wird sichtbar werden mit der Verteilung dieses Lichts der Erinnerung und der Hoffnung für den Frieden in dieser Welt.